Über das Alevitentum
Was ist das Alevitentum überhaupt?
Das Alevitentum ist eine eigenständige religiöse und philosophische Strömung, die ihre Wurzeln im schiitischen Islam, mystischen Traditionen (Sufismus) und anatolischen Kulturkreisen hat. Es stellt eine der bedeutendsten Glaubensgemeinschaften in der Türkei und der Diaspora dar. Im Zentrum des alevitischen Glaubens steht der Mensch, die Liebe zu Gott, dem Propheten Mohammed und seinem Schwiegersohn Ali. Die Einhaltung ethischer Grundsätze und die spirituelle Entwicklung sind wichtiger als die strikte Befolgung ritueller Vorschriften.
Die Lehre (Glaube und Philosophie)
Die alevitische Lehre basiert auf vier zentralen Pfeilern, bekannt als die „Vier Tore und Vierzig Stufen“ (Şeriat, Tarikat, Marifet, Hakikat), die den spirituellen Weg des Menschen beschreiben. Im Gegensatz zur sunnitischen oder schiitischen Orthodoxie gibt es keine feste Dogmatik oder Şeriat (islamisches Recht) im herkömmlichen Sinne.
- Zentrale Prinzipien: Das Fundament des Glaubens bildet die Trias „Gott – Mohammed – Ali“ (Hak – Muhammed – Ali).
- Menschlichkeit: Die wichtigste Pflicht des Aleviten ist es, ein guter Mensch zu sein. Das Kernprinzip lautet: „Hände, die nicht stehlen, Zungen, die nicht lügen, Lenden, die nicht ehebrechen“ (Eline, Diline, Beline sahip olmak).
- Gottesbild: Gott ist allgegenwärtig, und das Göttliche kann im Menschen selbst erkannt werden. Es herrscht ein Verständnis von Gott als universelle Einheit (Vahdet-i Vücud).
- Die Zwölf Imame: Ihnen wird besondere Verehrung zuteil, allen voran Imam Ali und sein Sohn Imam Hüseyin, dessen Martyrium in Kerbela zentral für das Gedenken ist (z. B. Muharrem-Fasten).
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Die Praxis (Gottesdienste und Riten)
Der zentrale Gottesdienst im Alevitentum ist der Cem (gesprochen: Dschem), der in einem Cem-Haus (Cem Evi) stattfindet. Der Cem ist ein Gemeinschaftsgottesdienst, der spirituelle Gesänge, Tänze und Belehrungen vereint.
- Der Semah: Ein ritueller Wirbeltanz, der von Frauen und Männern gemeinsam ausgeführt wird und die kosmische Bewegung, die Vereinigung mit Gott und die Harmonie der Schöpfung symbolisiert.
- Gleichberechtigung: Männer und Frauen nehmen gleichberechtigt an allen religiösen Zeremonien teil, einschließlich des Semah und des Cem.
- Geistliche Führung: Geleitet wird der Cem vom Dede (Großvater), der als spiritueller Wegweiser und Lehrer fungiert.
- Fastenzeiten: Wichtige rituelle Perioden sind das Muharrem-Fasten (Gedenken an Kerbela) und das Hızır-Fasten (zu Ehren des Heiligen Hızır).
Die Herkunft (Geschichte und Entwicklung)
Das Alevitentum entwickelte sich im 13. bis 16. Jahrhundert in Anatolien und Persien. Es ist eng verbunden mit den Lehren mystischer Figuren wie Hacı Bektaş Veli und Yunus Emre.
- Frühe Wurzeln: Die spirituelle Linie wird auf Imam Ali (den vierten Kalifen und Cousin Muhammads) zurückgeführt.
- Bektaşiyya: Besonders der Bektaşi-Orden war prägend für die Verbreitung der alevitischen Lehren in Anatolien und auf dem Balkan.
- Mündliche Tradition: Aufgrund von Verfolgung über Jahrhunderte hinweg wurde die Lehre meist mündlich (durch Dedes und Aşıklar/Volkssänger) und in poetischer Form weitergegeben (z. B. in Nefes-Gesängen).
- Gegenwart: Heute ist das Alevitentum eine anerkannte Religionsgemeinschaft in vielen westlichen Ländern. In der Türkei kämpft die Gemeinschaft weiterhin um die vollständige Anerkennung ihrer Cem-Häuser als offizielle Gebetsstätten.
Alevitinnen und Aleviten in Deutschland
In Deutschland leben schätzungsweise 500.000 bis 800.000 Alevitinnen und Aleviten. Dies bedeutet, dass etwa 20 bis 30 Prozent der Menschen mit anatolischem Migrationshintergrund dieser Glaubensgemeinschaft angehören.
Die alevitische Gemeinschaft in Deutschland ist vielfältig und setzt sich aus türkisch-, kurdisch- und zaza-sprachigen Mitgliedern zusammen.
Die Alevitische Gemeinde Deutschlands genießt die rechtliche Anerkennung als Religionsgemeinschaft gemäß Art. 7 Abs. 3 des Grundgesetzes. In Nordrhein-Westfalen und Berlin ist sie darüber hinaus bereits als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt, was ihr besondere Rechte zugesteht.
